Das lineare Fernsehen ist tot!

Ich erwische mich immer wieder dabei, beim Fernsehen wie selbstverständlich auf die Pause-Taste meiner Fernbedingung zu drücken, wenn ein Anruf kommt oder ich Durst verspüre. Ist das mal nicht möglich – weil ich nicht zu Hause vor dem Entertain-Receiver sitze – ärgere ich mich.

Und wenn ich heute den Fernseher einschalte, dann öffne ich fast immer  die Liste der aufgenommenen Sendungen, um dort mein TV-Programm auszuwählen. Je nach Lust und Zeit wähle ich dann eine Informationssendung wie das auslandsjournal oder einen Spielfilm, gestern Abend zum Beispiel Match Point. Nur Nachrichtensendungen werden live geschaut – und super selten mal ein Fußball-Spiel, jüngst Fortuna gegen Hertha. Das sind aber auch die wenigen Beispiele, in denen lineares Fernsehen Sinn macht. Nach Gefühl würde ich sagen: Ich gucke mehr Fernseher als früher – und viel gezielter.

Den Trend weg vom linearen Fernsehen befeuern die Kabel- und Telekom-Anbieter: Um die eigenen Umsätze zu steigern, bieten sie ihren Kunden digitale Videotheken und schenken ihnen nicht selten einen Receiver mit eingebauter Festplatte. Die Kabelanbieter ergänzen ihr Angebot um Telefon- und Internet-Zugängen und Telekom und Co fischen mit IPTV-Angeboten um neue Kunden.

Mein TV-Konsum ist sicher nicht repräsentativ – doch wundert es mich schon, dass die TV-Bosse diesen Trend so gekonnt ignorieren. Vertreter von Privat- und ÖR-Sendern werden nicht müde zu betonen, dass das lineare Fernsehen auch in zehn Jahren existieren werde.  Die Tagesschau beginnt also um 20 Uhr und sonntags trifft sich die Familie eine Viertelstunde später zum Tatort.

Machen wir uns nichts vor: Das Ende des linearen Fernsehens hätte gravierende Folgen für die Refinanzierung. Wenn ich eine Sendung später gucke, kann ich die Werbung ganz einfach überspringen. Blöd für Sender, deren Geschäftsmodell darauf basiert, das eine Mehrheit der Kunden die Werbung sieht. Es wird nicht lange dauern und die TV-Sender werden messen können, wie viele Kunden eine Werbung wirklich gesehen haben – und dann dürften die Preise ähnlich sinken wie heute schon bei Online-Werbung. Am Ende werden die TV-Sender neue Erlösquellen erschließen müssen. Werbung, die sich technisch nicht überspringen lässt oder Sendungen, die man nicht aufnehmen kann, sind keine Lösung. Medienwissenschaftler Bertram Gugl: „Die amerikanische Videoplattform Hulu hat tolle Modelle entwickelt: man kann Werbung bewerten, der User kann zwischen einem Werbeblock am Anfang oder Unterbrechungen währenddessen wählen, dafür sind die Inhalte gratis. Ein weiteres Beispiel sind Shows in den USA, die ihre Moderatoren die Werbung sprechen lassen.“ (Quelle: DerStandard.at)

Und auch die Kunden sind gefordert: Sie müssen entscheiden! Glotze anmachen und einfach berieseln lassen ist heute super einfach. In manchen Haushalten läuft so ein Fernseher dann den ganzen Tag – auch wenn keine spezielle Sendung läuft. Das mag für ältere Personen ein Problem darstellen – aber die Online-Generation kennt nichts anderes: Sie entscheidet ständig, welche Medien sie wie, wo und wie lange konsumieren.

TV-Sender hätten in der Welt des nicht-linearen Fernsehens durchaus ihre Daseinsberechtigung: Sie wissen, was ihre Zielgruppe sehen möchte und können ein entsprechendes Angebot vorhalten. Das erwarte ich von einem TV-Sender, denn ich habe keine Lust, mir bei Youtube alle paar Minuten neue Inhalte zu suchen. Ich wünsche mir aber, dass ein TV-Sender meine Erwartungen kennt und mich entsprechend auf Sendungen hinweist.

Update: Business Insider liefert weitere Argumente für ein Ende des bisherigen TV-Geschäfts. Der Autor glaubt, dass das TV-Geschäft eines Tages kollabieren wird – und nicht nach und nach zurückgeht. Es dauert also eine Weile, geht dann aber schnell.

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