Telekom torpediert seit Jahren die Netzneutralität
Eine Welle der Empörung hat die Deutsche Telekom mit ihrer Ankündigung ausgelöst, bei neuen DSL-Verträgen künftig eine Volumengrenze einzubauen. Während einige das Recht auf einen unbegrenzten Internet-Zugang einfordern, kämpft eine wachsende Mehrheit für die Netzneutralität und eine Petition für den Deutschen Bundestag erreichte binnen Stunden die notwendige Marke von 50.000 Stimmen und hat aktuell 72.000 Mitunterzeichner.
Stein des Anstoßes ist die Ankündigung der Telekom, ihren TV-Dienst Entertain von der Volumenzählung auszunehmen (und weiteren Anbietern eine solche Ausnahme zu verkaufen!). Damit verstößt das Unternehmen gegen das Gebot der Netzneutralität. Ist die Ausnahme bei Entertain technisch noch begründbar (siehe Blog-Beitrag von Stefan Wild) sind alle anderen Ausnahmen nicht hinnehmbar. Diese Angriffe gegen die Netzneutralität sind aber nicht neu und werden zum Teil seit Jahren fast ohne Protest hingenommen:
- Neutrales Peering
Seit Jahren verlangt die Telekom von anderen Internet-Providern eine direkte Zusammenschaltung mit ihrem Netz, weil sie sich nicht am neutralen Peering am De-Cix in Frankfurt beteiligt. Siehe: Die Herzen des Internets - Durchleitung von Anrufen zu 0180- und 0700-Rufnummern
Kunden des Düsseldorf VOIP-Anbieters Sipgate können seit gestern keine 0700-Rufnummern im Telekom-Netz mehr erreichen, wie das Unternehmen in seinem Blog berichtet. Bereits seit 1. Mai ist der Zugang zu 0180-Servicenummern geblockt. - Neue Marktteilnehmer werden boykotiert
27 Monate hat die T-Mobile gebraucht, um Anrufe zu 01570-Rufnummern zu ermöglichen. Unter diesen Nummern wollte Sipgate unter anderem seinen Dienst Sipgate One anbieten, um Anrufer unter einer zentralen Handynummer erreichbar zu machen. Nebenbei hat sich die Bundesnetzagentur in der Frage nicht besonders viel Mühe gegeben. Kürzlich meldete Sipgate deshalb: “Wir geben auf!” - Verbot von VOIP- und Skype-Telefonaten
Mit dem iPhone kann man seit Jahren kostengünstig per Skype in alle Welt telefonieren. Die Telekom (und andere Anbieter) verbieten aber in ihren einfachen Verträgen die Nutzung der Dienste und begründen dies mit dem Datentraffic und der Sorge, keine stabile Verbindung anbieten zu können. Wer einen Aufpreis zahlt oder gleich einen höheren Vertrag abschließt, darf Skype nutzen. - Musik-Streaming über Spotify zum Fixpreis
Seit Oktober 2012 können Mobilfunk-Kunden der Telekom Spotify zum Festpreis von 10 Euro im Monat nutzen. In der Pressemitteilung geht es amüsanterweise nur um die Abrechnung, nicht aber um die Belastung des Netzes durch das nun unbegrenzt mögliche Streaming.
Und die nächsten Schritte stecken schon in den Startlöchern:
- Managed Services
Mit der Einführung der Volumengrenzen ab 2011 hat die Telekom angekündigt, Inhalte-Anbietern Verträge nach dem Muster von Spotify anzubieten und sieht darin ein neues Geschäftsfeld – wie sie in einer Antwort an die Regulierungsbehörde offen zugibt. - VDSL Vectoring
Weil der Glasfaser-Ausbau bislang kaum vorankommt (Die Telekom nennt auf ihrer Website fast nur kleine Gemeinden!) will sie nun verstärkt auf VDSL-Vectoring setzen. Die Technik, die ungefähr doppelt so schnelle Übertragungsgeschwindigkeiten wie VDSL50 erlaubt, setzt aber voraus, dass ein Anbieter die Leitungen zwischen Vermittlungsstelle (den grauen Kästen am Straßenrand!) und Kundenmodem exklusiv nutzt. Vodafone hat seine Zusammenarbeit schon angekündigt. - Zwangsmodem für VDSL-Vectoring
Simon Kissel, Geschäftsführer des DSL-Routerherstellers Viprinet, glaubt, dass die Telekom mit der Einführung von VDSL-Vectoring ihren Kunden ein einheitliches Modem aufzwingen wird, wie das schon heute zum Beispiel Unitymedia macht. Dagegen spricht die Ankündigung von AVM, mit der Fritzbox 7490 einen Router auf den Markt zu bringen, der VDSL-Vectoring unterstützt.
Fazit
Die Telekom versucht seit Jahren, die Netzneutralität zu torpedieren und die geplanten Volumengrenzen sind nur der nächste logische Schritt. Und auch der wird klappen, wenn der Protest in ein paar Monaten wieder abflaut, weil es die Netzgemeinde nicht geschafft hat, der breiten Bevölkerung die Bedeutung des Themas klar zu machen. Schon der Begriff Netzneutralität ist dafür alles andere als geeignet, wie Franziska Bluhm schreibt. Sascha Lobo rief die Netzgemeinde deshalb in seinem Vortrag auf der Republica dazu auf, sich eine einfache Frage zu stellen: “Was würde Merkel überzeugen?”
Jetzt mitmachen
Wer sich an dem Protest für die Netzneutralität beteiligen möchte, sollte in einem ersten Schritt die Petition von Maltze Götze unterzeichnen und an sich an den von ihm per E-Mail gestarteten Protestaktionen beteiligen. Und im zweiten Schritt kann man noch bis zum 18. Juni die Petition des Deutschen Bundestags unterzeichnen.









